Das Unterbewusstsein der Schiedsrichter

Das Unterbewusstsein der Schiedsrichter

Sie stehen zu zweit auf einem Handballfeld, 60 Minuten lang entscheiden sie über Tore, über Gewinn und Niederlage. In dem Moment des Anpfiffs haben sie keine „Freunde“ mehr. Sie sind alleine, auf sich, ihr Urteilsvermögen und ihre Persönlichkeit gestellt. Vom Spielfeldrand aus werden sie beobachtet – von zwei Trainern und ihrer Betreuer, die jede Sekunde bereit sind, zu protestieren, wenn ihnen eine Entscheidung nicht passt. Und dann sind da noch die Zuschauer, die vielen Tausend, die nicht selten ihre persönlichen Aggressionen ablassen und dabei am liebsten auf die Schiedsrichter schimpfen.

Das alles wirkt ein, beeinflusst und stresst diese zwei Menschen auf dem Platz, die das Regelwerk in ihrer Hand haben. Innere Stabilität und Stärke, Erfahrung und Persönlichkeit sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein Schiedsrichter jetzt braucht, um der Lawine an Konfliktsituationen stand zu halten.

Die psychische Balance, die erreicht werden sollte, lässt sich auf einen Satz fokussiere: überschätze dich nie, aber unterschätze dich auch nicht! Eine Abweichung von diesem Leitsatz führt früher oder später zur Niederlage, bzw. genau zum Gegenteil des herbeigesehnten Ziels. Nicht selten wird das Überschreiten des Maßes in die eine oder andere Richtung zum Kampf mit der eigenen Persönlichkeit, die teilweise sogar in der Selbstzerstörung endet und andere Menschen negativ beeinflusst.

Noch nie war die Kritik an den Schiedsrichterleistungen weltweit im Profihandball so laut
wie heute.
Im Vergleich zur dynamischen Entwicklung des Handballspiels hinkt das Regelwerk hinterher und wird dadurch mehr subjektiv auslegbar.

Zusammen mit Hans Schneider ( Gummersbach ), haben wir Bundesligaspiele und unsere Gegner auf internationaler Ebene mindestens 25 Jahre lang ganz genau analysiert. Wir wollten u. a die Stereotypen Bewegungen unserer Gegner, die taktischen Mittel, usw. feststellen. Dabei kamen auch die Entscheidungsfehler der Schiedsrichter und ihr manchmal unerklärliches Verhalten auf dem Platz zum Vorschein. Diese Erkenntnisse haben wir ausgenutzt, um unsere Spielweise entsprechend einzustellen.
Im Folgenden stelle ich ein treffendes Beispiel in diesem Zusammenhang dar: Vor einigen Jahren haben wir, Richard Reinholz (Dormagen) und ich, den VfL Gummersbach vor dem Abstieg aus der Bundesliga bewahrt.
In einem Spiel in Kiel gegen THW, wo unsere Taktik war, das Spiel eng zu halten, verhängten zwei erfahrene Schiedsrichter gegen unseren Abwehrchef Oliver Plohmann einen 7m und gleichzeitig die rote Karte. Eine Spielentscheidende Aktion! Ich hatte kein Foul gesehen und „protestierte auf meine Art, “ was mir eine gelbe Karte einbrachte. Ein Schiedsrichter zeigte mir mit einer Geste, dass O.P. den Gegner nach unten gezogen hätte. Das Spiel war in TV übertragen, und genau diese Szene wurde nach dem Spiel, während eines Interviews mit mir, gezeigt. Wir sahen deutlich, dass O.P. den Gegner nicht einmal berührt hatte! Wie konnte der Schiedsrichter mir die Geste des „Herunterziehens“ zeigen, was hatte er tatsächlich gesehen und was war die Grundlage für seine Entscheidung?!

Es ist eine Tatsache, dass zwei Menschen, die ein und dieselbe Sache beobachten, trotzdem zwei Wahrnehmungen haben. Ich habe mich immer gefragt, wie können zwei Schiedsrichter auf dem Handballfeld immer die gleiche Entscheidungen spontan treffen, wenn sie von zwei verschiedenen Positionen die Szene beobachten! Nur selten passiert es, dass zwei konträre Meinungen getroffen werden.
Wir wissen, dass sich das Verhalten der Menschen in ein Bewusstes, in ein Unbewusstes, aber auch in ein Vorbewusstes gliedert. Besonders das Vorbewusstsein ist ein interessantes Phänomen. Es ist eine Art Speicherkammer für Informationen. Immer dann, wenn wir ein Problem zu lösen haben, leiten wir Informationen, die wir bewusst aufnehmen, weiter zum Vorbewusstsein. Hier werden diese Informationen verarbeitet und als Problemlösung an das Bewusstsein zurückgegeben. Die Richtung der Verarbeitung und die Auswahl der Informationen geschehen durch den so genannten „Censor“, der ein durch Umwelteinflüsse, Erziehung und Erfahrung gebildeter Filter ist.

Der Censor ist zwar ein nützliches Werkzeug solange wie das System stabil ist. Droht aber eine Veränderung oder Gefahr, meist von Außen, so sind Censoren recht unflexibel und reagieren in den häufigsten Fällen falsch, da sie alles so wie immer machen. Flexibilität und eine gewisse Beherrschung des Censors lassen sich durchaus trainieren und müssen gerade bei Berufsgruppen, die Entscheidungen unter Druck und äußeren Einflüssen treffen, aktiv bearbeitet werden.
Vertreter der Neurobiologie glauben, dass Entscheidungen mit mehr als drei Auswahlmöglichkeiten nicht „rational“ getroffen werden können, sondern unbewusste Emotionen bei persönlichen Präferenzen eine wichtige Rolle spielen. Das Gehirn speichere den emotionalen Gehalt von Erlebtem in eben jenem Vorbewusstsein. Dieses helfe dann, komplexe Entscheidungen zu treffen, in dem Reize positiv oder negativ bewertet würden.
Der Mensch fühle sich aber in seiner Entscheidung weiterhin „frei“!

Diese kleine Einführung in die komplizierte Wechselwirkung von verschiedenen Bewusstseinebenen zeigt wie komplex die tatsächliche Entscheidungsfindung ist.

Kommen wir zurück auf den Handballsport. Handball zählt zu einer der schnelleren Sportarten, bei der nicht selten, die Entscheidung für eine Handlung das Resultat der Antizipation einer Aktion ist, die meist genau in dem Moment endet, in dem die Entscheidung getroffen oder sogar in die Tat umgesetzt wurde – wie z.B. der Pfiff zum Foul oder Tor, etc.

Neben der perfekten Kenntnis des Regelwerks ist daher von unschätzbaren Vorteil, wenn der Schiedsrichter sich auf der Persönlichkeitsebene weiter bildet und entwickelt, so das er 1. eine gewisse Kontrolle über sein Vorbewusstsein hat und sich nicht unterbewusst lenken lässt aufgrund von bewusst Erlebtem und Gespeichertem – egal, ob das positiv oder negativ zu werten ist, und dass er 2. seine Fähigkeit der Antizipation trainiert.
Gerade der letzte Punkt ist bei Spitzensportler ein Muss, denn das Erahnen der nächsten Aktion des Gegners ist häufig der Grund für einen Sieg. Denken wir nur mal an den Torwart, der im Bruchteil einer Sekunde reagieren muss, um den Ball in der richtigen Ecke zu erwischen. Oft sehen wir völlig entgegen gesetzte Bewegungen, so das klar ist, hier wurde aufgrund der Antizipation gehandelt. Ist ein Schiedsrichter in diesen beiden Punkten ausgebildet und trainiert, so ist seine Entscheidungsfähigkeit weitaus stabiler und unantastbarer. Von den Komponenten der Ehrlichkeit und Moral wollen wir in diesem Zusammenhang nicht sprechen, aber sie sind natürlich Voraussetzung.

Besonders die Wettkämpfe, in denen das Ergebnis knapp zu werden verspricht, hängen im letzten Moment von der Neutralität und der Kompetenz der Schiedsrichterentscheidungen ab. Sympathie, Antipathie, Respekt für die eine oder andere Mannschaft, das Verhalten der Zuschauer, der Druck der Medien etc. müssen die Schiedsrichter ignorieren.
Ein Schiedsrichter soll eine angeborene Fähigkeit haben muss wie jeder Hochleistungssportler hat, um sich trainieren zu können.
Ich selbst habe lange Jahre die psychische und physische Vorbereitung in meinem Training mit Erfolg integriert. Das ist durchaus auch für die Schiedsrichter anzuwenden – so kann man z.B. das Urteilsvermögen eines Schiedsrichters testen, indem man ihn, nach einer anaeroben Übung, mit mindestens zwölf umstrittenen Szenen (aus EM, WM, CL etc.) konfrontiert, ohne ihm die tatsächlichen Entscheidungen mitzuteilen, und ihn selbst das Urteil fällen lässt. Die Szenenfolge sollte rasch im 10 Sekunden Takt folgen, um den Stress zu simulieren.
Unter dieser Belastung lässt sich leicht die persönliche Fehlerquote feststellen und auch die Harmonie zwischen einem Schiedsrichterpaar.

Als Spieler und Trainer habe ich es über Jahre durch mentales Training geschafft, einen psychischen Zustand zu erreichen , der es mir ermöglichte, auf dem Spielfeld nur meine Aufgabe wahrzunehmen, ohne dass mich die Umgebung oder äußere Umstände beeinflusst hätten. Im Gespräch mit Kollegen weltweit, habe ich erfahren, dass diese ebenfalls einen vergleichbaren Zustand erreicht haben, den sie nach Bedarf abrufen konnten. Ich bin sicher, das wäre auch ein fruchtbarer Weg zur Perfektionierung der Schiedsrichterarbeit.

Petre Ivănescu ist ehemaliger rumänischer Handballspieler und Handballtrainer, der 1987 und 1988 zum Trainer des Jahres gewählt wurde.